Damian der Töpfer

Es war einmal in Töpfer, der lebte am Rand eines großen Waldes aus dem er Holz für seinen Brennofen holte. Dort gab es auch ein Stück abgerutschten Hang, wo allerbester Lehm ganz offen zugänglich war.
    Behälter, Figuren und Schmuckgegenstände des Töpfers waren weit über das Land hinaus bekannt und beliebt. Ein Grund dafür war, dass der Töpfer, Damian war sein Name, eine geheime Quelle kannte. Dahin ging er, wenn ihm seine Werke dumpf zu werden schienen, trank von dem klaren Wasser und blickte in die kristallene Tiefe. Dann fiel alles Graue von ihm ab. Neue Ideen entstanden am unergründlichen Rand seines Bewusstseins und alte Ideen erschienen in einem neuen Licht.
    Ärgerlich war eine Art Kobold, eine bösartige Gestalt, ein Banshee. Wie der aus dem fernen Schottland - oder war es Irland - in den friedlichen Wald gekommen war, wusste Damian nicht. Das ärgerliche an diesem Banshee war die schrille, bis ins Mark dringende Stimme. Kaum hatte sich vor Damians innerem Auge ein besonders schönes Schmuckstück gebildet, brach der - oder war es eine sie? - Banshee fuchtelnd aus dem Gebüsch und kreischte: "Lass' das! So etwas Hässliches! Dir fällt aber auch gar nichts Gescheites ein!" Wenn Damian dagegen friedlich nach getaner Arbeit in seiner Hütte am Feuer saß erschien, der Banshee plötzlich am Fenster und kreischte: "Lass' das, geh in den Wald zur Quelle! Ohne Inspiration bist du eine Null, nichts wert, bald abgehalftert!"
    Eine Zeitlang konnte Damian dem Banshee widerstehen, aber es zehrte an seinen Kräften. Er spürte, dass er älter und schwächer geworden war. Wie lange noch würde er in den Wald gehen können um Feuerholz und Lehm für seine Töpferei zu holen. Wann würde ihm der Weg zur Quelle der Inspiration zu lange und mühsam werden? Wie lange noch würden seine Waren Käufer finden? Ab wann würden sie als armselige Werke eines kranken alten Mannes gelten? Gab es überhaupt noch jemand der sich für ihn interessierte? Warum hatte er es versäumt sich Freunde zu machen, einen Freundeskreis aufzubauen? Und waren seine Vorbereitungen fürs Alter nicht unzureichende Versuche, welche in ihrer Amateurhaftigkeit letztlich zum Scheitern verurteilt waren?
    Betrübt machte sich Damian auf den Weg zu seinem Freund, der tief im Wald lebte. Man nannte ihn den Eremiten, obwohl er ein lebenslustiger Geselle war, ein gern gesehener Gast in den Dörfern. Damian besuchte ihn gerne, vor allem wenn er nicht weiter wusste.
    "Da bist du ja endlich. Mir scheint, du kommst nur, wenn dich etwas quält", sagte der Eremit.
    "Ich komme mir alt, grau und einsam vor", sagte Damian.
    "Da ist schon was dran. Am Ende sind wir alle alt, grau und einsam, zumindest alleine. Hast du denn ganz vergessen, das es keinen anderen Weg gibt, dass es so endet, mit dem Tod? Ist dir etwa entglitten, dass das Leben kurz und wertvoll ist?" sagte der Eremit.
    "Dass es so kurz und freudlos ist habe ich nicht geglaubt", sagte Damian.
    "Blödsinn. Das weißt du ganz genau. Du willst es nur nicht sehen", sagte der Eremit und holte den Zauberwürfel heraus. "Lass uns ein paar Möglichkeiten durchwürfeln."
    Damian nahm den Würfel, einen apfelgroßen Klotz, zögernd in die Hand und ließ ihn über die Tischplatte rollen. Der Würfel kam holpernd zur Ruhe. Seine raue Oberseite wandelte sich zu einer spiegelglatten Fläche durch die hindurch Damian in eine andere Welt blicken konnte. Er sah sich vor seiner Hütte am Waldrand sitzen, faltig und grauhaarig. Aber er war nicht alleine. Seine Freunde waren da. Aus dem Wald kamen gerade zwei gutgelaunte Männer mit einer Fuhre Feuerholz, und in seiner Werkstatt knetete eine Frau frischen Lehm. Es gab auch drei neue Hütten, aus denen gelegentlich Lachen zu ihm herüber schallte.
    "Siehst du?" sagte der Eremit.
    "Ja, ... und Danke", sagte Damian
    Zufrieden ging er zurück, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben, da sprang ihm der Banshee kreischend und fuchtelnd entgegen. Aber diesmal konnte er Damian nichts anhaben. Der lachte ihm geradeheraus ins Gesicht. Da wurde dem Banshee so schlecht, dass er jammernd flüchtete und nie mehr wiederkam.
    Und Damian? - Wenn er nicht gestorben ist, so lebt er vielleicht heute noch als glücklicher, steinalter Mann dort am Waldrand.