Der Chauffeur fuhr die Mercedeslimousine in die einbruchsichere Tiefgarage, bugsierte das betrunkene Pärchen in den Aufzug und fuhr mit ihnen hinauf in die Luxuswohnung im obersten Stock.
"Ich kann noch nicht schlafen," sagte die Frau, während ihr Gefährte rücklings auf die Couch sank und mit offenem Mund einschlief.
"Sie sollten jetzt ruhen, Ministerin, nach so einem anstrengenden Tag," sagte der Chauffeur.
"Gewöhn dir das ja nicht an, das heißt ‚Frau Minister'. Ich bin ja keine Ministrantin wie die Knulli mit ihrem Zuckerlprinzen," sagte die Ministerin, auf einmal ganz wach.
"Jawohl Frau Minister", sagte der Chauffeur.
"Ich möchte weg, irgendwohin, wo mich keiner findet."
"Wie wär's mit dem Anu im Burgenland?"
"Anu? Der ist doch nicht etwa beim Fernsehen?"
"Nein, nein, die haben noch nicht einmal einen Fernseher, kein Empfang im Stillen Graben von Stadtschlaining," sagte der Chauffeur.
"Stadtschlaining, da gibt es doch etwas Offizielles, die Friedensuniversität, oder?"
"Ja schon, aber das Haus ist ganz abgelegen. Keiner weiß, wie alt es ist, soll früher dem Kloster gehört haben. Es war ganz verfallen, als er vor 10 Jahren eingezogen ist," sagte der Chauffeur.
"Da will ich hin. Meinst du, er wird sich um diese Zeit noch herausklingeln lassen?" sagte die Ministerin.
"Sicher nicht. Er hat gar keine Klingel. An der Außenwand ist eine gusseiserne schwarze Katze mit einer Glocke dran und einem Lederriemen am Klöppel."
"Erzähl mir mehr," sagte die Ministerin, während sie, inzwischen ganz nüchtern, einen Pelzmantel aus dem Schrank holte.
"Den Eingang hat der Anu ganz alleine gebrochen, weil sich niemand getraut hat ihm zu helfen, wegen der Einsturzgefahr. Es gibt das große Kreuzgewölbe mit dem Kachelofen, den der Anu selber gebaut hat, mit einem seiner Söhne. Das Wasser kommt aus einem tiefen Brunnen und ein Teilen des Gartens wurde seit 30 Jahren nicht betreten. Anu nennt ihn ‚Terra incognita' oder ‚hic sunt leones', aber in Wirklichkeit kommen dort nur Kröten, Rehe, Füchse, Wildenten, Marder und Dachse hin. Am Bach, der um das Grundstück fließt, ist es so einsam, dass sie sich ruhig auf einen Baumstamm setzen können und hineinpiseln, Frau Minister," sagte der Chauffeur.
"Bring mich hin," sagte die Ministerin.
Eineinhalb Stunden später stand sie unter der gusseisernen Katze mit der Glocke.
"Soll ich wirklich läuten? Es schaut doch sehr verfallen und verlassen aus. Und es ist so unheimlich still hier." Sie läutete.
Licht ging an. Anu kam heraus im geringelten Nachthemd, hinter ihm seine Lebensgefährtin Shobha und die Katze Lindi. Die Gäste wurden freudig begrüßt und herein gebeten.
"Oh ist das fein hier, und so angenehm warm," rief die Ministerin.
"Tia, Fußbodenheizung," murmelte Anu, während Shobha mit einem Tablett voll Gläser ankam.
Es wurde gefeiert, getrunken und geredet bis die Ministerin müde wurde und auf dem Bett vor dem Kachelofen einschlief.