Der Eisforscher

Es war einmal vor langer Zeit und doch wieder nicht so lange her ein Eisforscher. Im Sommer führte er ein ruhiges Leben und arbeitete - mehr zum Zeitvertreib - auf einer Sternwarte, wo er zuschaute wie der Sternenhimmel sich langsam über ihm drehte, gelegentlich belebt vom Flug der Nachtvögel und vom fernen Klang des Turmbläsers aus dem nahen Städtchen.
    Im Winter jedoch war er unterwegs auf verschneiten Wegen, wo sich die Äste unter der Schneelast bogen und der Raureif wie Flechten von den Bäumen hing.
    Er bewohnte eine einsame Blockhütte, die im Sommer von Holzfällern erbaut worden war. Täglich ging er hinaus auf den zugefrorenen See, erneuerte sein Eisloch, maß Dicke und Konsistenz des Eises, und holte sich - wenn er Glück hatte - einen Fisch aus dem Wasser, den er dann am Lagefeuer briet.
    Gelegentlich kam auch ein Jäger vorbei, mit dem er gefrorenen Fisch gegen Wildbret tauschen konnte. Die Jäger waren wortkarge Menschen, und er war eigentlich erleichtert, wenn sie wieder weiter zogen. Es gab auch Eskimos in der Gegend. Das konnte er aus den verlassenen Eislöchern schließen. Gesehen hatte er noch keinen.
    So verflossen die Tage in der Hütte, im Schnee und am Lagefeuer. Allmählich flossen die Tage ineinander, so dass er bald den Wochen- und Monatstag nicht mehr angeben konnte und nicht mehr wusste, wie langer er schon hier war. Natürlich hätte er Kerben in den Tisch schnitzen können, oder die Tage an einem Kalender abhaken oder auch einen digitalen Wecker mit Datumsanzeige mitnehmen können. Aber dann hätte er das langsame Verschwimmen der Zeit nicht so erleben können. Das langsame heller werden am Morgen und das allmählich dunkel werden am Nachmittag. Selbst das Zunehmen und Abnehmen des Mondes schien ihm kräftiger und existentiell bedeutungsvoller, als wenn er eine Armbanduhr mit Mondphasen gehabt hätte.
    "Wie ärmlich ist doch das Leben in der Stadt," dachte er manchmal, wenn er sich besonders einsam fühlte. Dann überlegte er, ob er sich die Schönheit der Zeitlosigkeit am Ende doch nur einreden würde, weil er die Freuden, Freunde und Freundinnen der Stadt vermisste und es sich selber nicht zugeben wollte. Und er kam jedes Mal zu dem Schluss, dass er das alles zwar sehr vermiste, aber doch dieses stille kristallene Verschwimmen der Zeit vorzog. Außerdem konnte er die entgangenen Genüsse jeden Sommer von Neuem nachholen.
    So wurde er von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, nach außen ruhiger und nach innen klarer, und auch körperlich kräftiger und gesünder durch die tägliche Arbeit.
    Eines Tages sah er einen Eskimo in der Ferne auf dem Eis. Es gab keinen Austausch von Grüßen, kein Winken, aber er war sich sicher, dass der Eskimo sich nicht gezeigt hätte, wenn er nicht gesehen hätte werden wollen. Er fühlte sich angenommen, und ein großes Glücksgefühl durchströmte ihn, als wäre er soeben in das Iglu der schönsten Inuit-Frau eingeladen worden. Auf dem Rückweg durch den Wald sah er in einem Schneevorhang einen Zwerg regungslos zwischen den flechtenverhangenen Baumstämmen stehen. Wieder durchströmte ihn ein Glückgefühl, als ob er gerade in eine geheimnisvolle verborgene Welt aufgenommen worden wäre.
    Für die Jäger war es inzwischen zu kalt geworden und er war erleichtert darüber, obwohl ihm das gelegentliche Wildbret abging. Dafür sah er jetzt einen Hermelin im Winterpelz, weiß bis auf die Schwanzspitze, der begriffen zu haben schien, dass ihm hier keine Gefahr drohte. Ein anderes Mal sah er einen Silberfuchs, dessen Bewegungen im Schneelabyrinth kaum zu erkennen waren.
    Die Sinne des Eisforschers waren entspannt und geschärft zugleich. Und so entdeckte er die Feen und Elfen des Waldes. Zuerst dachte er an eine Halluzination. Und tatsächlich ließen sich diese Wesen nicht mit dem Blick fixieren, verschwammen, wenn man versuchte genau hin zu sehen. Aber er erkannte, dass es einen großen Unterschied machte, ob sie da waren oder nicht. Allmählich verdeutlichte sich seine Wahrnehmung. Nicht, dass er sie jetzt genauer oder deutlicher sehen und hören konnte. Und dann bemerkte er mit einem gewissen Schrecken, dass auch sie ihn wahrnehmen konnten, nicht so sehr seine Gestalt, als vielmehr seine Befindlichkeit, die Art seiner Gedanken und Gefühle. Kaum dachte er an etwas Bestimmtes oder wollte etwas - schwups waren sie verschwunden.
    Aber wenn er nicht dachte und nichts haben wollte, dann blieben sie, spielten mit ihm, unterhielten sich mit ihm. Und nicht nur die Elfen und Feen, auch die vielen anderen Waldgeister, Trolle, Halbwesen und auch die Hermeline, die Silberfüchse und die anderen Tiere. Und so saß er Tag für Tag im Raureif des Waldes und genoss die Gegenwart und Unterhaltung mit den Wesen, die man viel genauer spüren konnte als diejenigen, die sich auf einen Film bannen ließen.
    Als die Tage länger wurden, und die Kälte nachließ, zog der Eisforscher wieder zurück in die Stadt.
    Bald merkten zuerst seine Freunde und dann auch die anderen Leute, dass mit ihm eine große Veränderung stattgefunden hatte. Sie suchten seine Gegenwart und fühlten sich seltsam wohl und klar, wenn sie wieder gingen.
    Und so lebte er in glücklicher Gemeinsamkeit mit den Leuten seiner Umgebung, bis an sein seliges Ende.