Der blinde Flötenspieler

Es war einmal ein Flötenspieler, ein schöner Mann, groß und kräftig und begabt, nicht nur für die Musik, auf für andere Künste, wie die Malerei. Er konnte die Dinge im besten Licht erschienen lassen. Er war es, der stets als Erster den Tanz begann, der mühelos Liebe und Erfüllung zu finden schien. Immerwährendes Glück schien ihm sicher, doch ein Unfall beraubte ihn des Augenlichtes, des Gehörs auf dem rechten Ohr und des Gebrauchs des linken Beines, so dass er sich nur mühsam mit einem Stock humpelnd fortbewegen konnte.

    Mit einem Mal war auch die Sympathie, die er so reichlich genossen hatte verschwunden. Die Mädchen suchten sich fähigere Männer zum Tanz. Wegen des tauben rechten Ohrs konnte er die Richtung von Geräuschen nicht mehr erkennen. Seine Bewegungen wurden tapsig und unsicher. Das vermittelte eine Ausstrahlung von Dummheit. Leute die ihn vorher bewundert hatten, meinten jetzt, sie hätten gleich gewusst, dass an ihm nichts dran sei. Ein Blender eben.

    Es wollten keine Kunden mehr zu ihm kommen. Niemand kümmerte sich um sein schweres Schicksal. Nur sein guter alter Vater versank in Trauer und Grübelei.

    Am schlimmsten war jedoch, dass er seine Fähigkeit sich und andere zu spüren behalten hatte. Waren ihm vor dem Unfall zur richtigen Zeit die richtigen Dinge zugeflogen und hatte er sich im besten Licht erscheinen lassen können, so fand er sich jetzt niedergeschlagen, ohne Zukunft, in einer ausweglosen Lage.

    Niemand wollte mehr die traurigen langgezogenen Töne seiner Flöte hören. - Dabei hatte sich doch durch das fehlende Augelicht, durch den Verlust der Fähigkeit sich ungezwungen zu bewegen und zu tanzen, ja sogar durch das taube rechte Ohr, seine Musik tief verinnerlicht und eine geradezu magische Kraft gewonnen, die ihn um so mehr schmerzte, als er die Lügenhaftigkeit seines früheren Lebens erkennen musste und nicht vergessen konnte.

    Er sah sich in einer aussichtslosen Lage ohne Zukunft. Er konnte weder Ort noch Zeit ändern, noch seinen Mangel beheben.

    Niedergeschlagen saß er auf einem Stein und hielt seine Hände um einen kleinen Blumentopf, den er am Wegrand ertastet hatte. Er hatte das Gefühl für Zeit verloren. War ein Tag vergangen? oder ein Monat?, als sich jemand zu ihm setzte.
    "Du hast die Pflanze blühen lassen."
Er erkannte die Stimme. Es war die Kräuterfrau, die er oft mit selbst Getrocknetem und Gebrocktem herumziehen hatte sehen.
    "Wenn du Pflanzen zum blühen bringen kannst, dann kannst du sicher auch Warzen zum Verschwinden bringen." Sie nahm seine Hand und legte sie sich auch die Wange Er spürte eine stachelige Warze auf ihrem Unterkiefer. Er spürte aber auch wie lebendig und frisch sich ihre Haut anfühlte.
    "Das tut gut," sagte die Kräuterfrau und verabschiedete sich.

    Er merkte, dass seine aussichtslose Lage immer noch bestand, aber die Niedergeschlagenheit verflogen war. Es kamen jetzt öfter Leute zu ihm. Ein Kind wollte beim Schatzfinden geholfen bekommen. Jemand wollte von bösen Träumen befreit werden, ein Anderer Schlimmes vergessen. Obwohl der Flötenspieler keine Antwort auf diese Fragen wusste, hatten die Leute doch das Gefühl geholfen bekommen zu haben. Und bald sprach sich herum, dass er im Herzen Verschlossenes öffnen und magische Kraft geben konnte.

    Auch die Kräuterfrau kam zurück, gut gelaunt und ohne Warze. Sie verliebten sich ineinander und beschlossen zusammen zu ziehen. Und wenn sie nicht gestorben sind leben sie heute noch.