Der gefangene König

Es war einmal ein König. Der war den Rachgelüsten seiner Verwandten zum Opfer gefallen und saß in einer Gefängniszelle. Alles Gold und Edelsteine nützten ihm nichts hier in der Finsternis.

Er hatte viel Gutes getan, aber auch einiges Böses. Jetzt in den kalten und feuchten Steinmauern bangte er um sein Leben. Lange würde er das nicht durchhalten können, vielleicht eine Weile. Alle seine Künste, sein höfisches Benehmen, sein Geschick, seine Kunst der Verhandlung, nützten nichts hier. Sein alter Vesir, fiel ihm ein, den er in den Kerker hatte werfen lassen, weil er sich gegen ihn verschworen hatte. Ob er noch am Leben war? Wenigstens nachfragen hätte er sollen.

Einmal am Tag ging über ihm eine Klappe auf, eine Hand erschien und etwas Essbares, meist ein schimmliges Brot, gelegentlich auch fauliges Obst oder eine verdorbene Wurst, wurde herunter geworfen. Antworten auf seine dringenden Bitten bekam er nie.

Völlige Stille herrschte in der Zelle. Es schien auch keine richtige Zelle zu sein, eher das Verlies einer alten Burg oder Burgruine. Er konnte sich auch nicht erinnern wie er her gekommen war. Mit dröhnendem Kopf war er auf dem Steinboden aufgewacht. Was war nur passiert? Und wo war er?

So sehr er auch hoffte, seine Augen würden sich an die Finsternis gewöhnen, es blieb dunkel, bis auf den kurzen Moment wo er ein graues Viereck an der Decke ausmachen konnte, wenn die Luke aufging und dann etwas auf den Boden fiel, das er sich im Dunkeln ertastete.

In der Stille hörte er nur das feine Zischen in seinen Ohren und das dumpfe Rauschen seinen Blutes. Auch das erst nach längerer Haft.

Er war ein freudiger, aktiver König gewesen. Entschlossen, wenn es sein musste, aber sonst von Musik und Festlichkeiten und gutgelaunten Leuten umgeben. Ein Gespür für Harmonie hatte er gebraucht, aber sicher nicht das scharfe Ohr, welches er als Kind besessen hatte, als er Wald und Wiesen durchstreifte, meist alleine.

In der Stille glaubte er das ferne Geräusch eines Wasserfalls zu hören. Ja, es musste ein Wasserfall sein, deutlich anders als der Ton der gelegentlichen Wassertropfen, die sich von der Decke lösten und auf dem Steinboden zerplatzten.

Es gab auch noch ein anderes Geräusch, leises Schleifen oder Scharren wie Fingernägel auf Stein. Das musste ein Tier sein. Eine Ratte vielleicht. Vorsichtig streckte er seine Hand aus, mit dem Rest verdorbener Wurst, die ihn vor dem Verhungern bewahrte.. Und tatsächlich: ein leises Ziehen, eine Andeutung von Schmatzen und dann ein fast unhörbaren Quieken, das sich wie "danke" anfühlte.
    "Gern geschehen", sagte er und überlegte, ob er nicht soeben das erste Anzeichen von Wahnsinn an sich bemerkt hatte, als sich das, was er für eine Ratte hielt, mit leichten Kratzgeräuschen entfernte.

Er bemerkte ein anderes Geräusch: schmatzend und patschen und sehr sehr langsam und vorsichtig.
    "Hallo", sagte er wider Willen, aber was konnte ihm denn jetzt noch passieren. Ein sanfter hoher, lieblicher Sington war die Antwort. In seinen Ohren klang das ebenfalls wie ‚hallo'.
    "Wer bist denn du?" sagte er mehr zu sich selbst, als in die Dunkelheit hinein.
Wieder ein hoher Sington, diesmal zweisilbig.
    "Eine Kröte", könnte es heißen.

Das leise Patschen kam näher. Er steckte seine Hand aus und legte sie mit der Handflache nach oben auf den Boden. Etwas kühl-schleimiges kroch darüber und er fühlte den zarten Herzschlag des Wesens, das sich auf seiner Hand niedergelassen hatte.
    "Na endlich", schien das Krötenwesen zu sagen, wieder mit diesem hohen lieblichen zweisilbigen Ton, aber doch deutlich anders als vorher.
    "Du sprichst doch nicht etwa mit mir", sagte der König.
    "Doch doch", sagte die Kröte. Allmählich bekam der König das Gefühl, die Sprache dieses Wesens zu verstehen.
    "Wer bist du?" fragte er ganz ernsthaft.
    "Ein Kröte, eigentlich eine Schildkröte, aber mit dem Schild kann ich hier ja nicht herein, den habe ich draußen lassen müssen. Dabei ist es hier so wunderschön eingerichtet, so still, so dunkel, so nass, so kühl", sagte die Kröte.
    "Hmpf", sagte der König, der nur die Hälfte verstanden hatte.
    "Ja, ja. Ich weiß schon. Du hättest es lieber hell, laut, trocken und warm - nichts für mich." Sagte die Kröte.

Allmählich vertiefte sich die Unterhaltung und es stellte sich heraus, dass die Ratte der Kröte von dem Gefangenen erzählt hatte und sie gebeten hatte ihn zu beschützen. Die Kröte wiederum kannte eine Elfe, die als Drachenelfe bekann war, denn sie lebte mit einem Drachen unter dem Wasserfall und traf sich oft mit der Kröte am Flussufer.

Die Kröte verschwand um nach der Elfe zu suchen. Die Elfe rief den Drachen herbei. Der Drache zerschlug den Turm in dem das Verlies lag mit einem einzigen Hieb seines schuppigen Schwanzes. Der König bestieg den Drachen und wie ein Reiter in wilder Jagt ritt und flog er auf sein Schloss zurück, vernichtete seine Widersache, befreite den Vesir und lies ihn gesund pflegen, und wurde ein noch besserer König als zuvor.

Und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.