Auf der Suche nach dem Glück

Es war einmal ein armer Jus Student namens Andreiji Kasimajeff. Sein Onkel, ein verarmter Dichter, hatte ihm geraten
    "Werde Advokat, dann schwimmst du im Geld anderer Leute."
Onkel Valin, ein Säufer und gescheiterter Lebemann hatte gesagt
    "Geh in den Westen, da findest du unternehmungslustige Freundinnen."
Sein Ethiklehrer, hatte gesagt
    "Geduld bringt Rosen" und man müsse "positiv denken"
Der alte Chassidim hatte gesagt
    "Der Garten im Sommer friert im Winter" und irgendwas von "innerer Ruhe", die man nicht suchen könne, sondern nur hier finden. Chassi war ganz einfach so ein altmodischer Rauschebart, verantwortungslos weit hinter der Zeit zurück.

    Viele Telefonanrufe später bekam Andreiji Kasimajeff zu seiner und seiner Freunde Überraschung ein Entwicklungsstipendium der Europäischen Union und konnte an der Universität Wien inskribieren. Seine zurückgelassenen Freunde hatten ihn voller Neid ziehen lassen. Jetzt sah er voller Neid, wie modisch gekleidet und vor Gesundheit strotzend seine Kommilitonen und Kommilitoninnen waren.

    "Kein Garten ohne Arbeit", dachte er und stellte sich vor, wie er bald reich werden würde, eine tolle Freundin haben werde. Liebe und Zufriedenheit, Reichtum und Glück würden ihm zufallen. Doch bald fühlte er sich wie auf einer Insel gefangen, oder wie auf einem Schiff, das immer wieder auf den Magnetberg zusteuert um daran zu scheitern. Niemand interessierte sich für ihn, schon gar nicht seine Lehrer, die ihn wegen seines mangelhaften Deutsch für unqualifiziert hielten. Aber auch als er mit großer Mühe fehlerfrei sprechen und schreiben gelernt hatte blieb er ein Außenseiter. Er gehörte einfach nicht richtig dazu. Ihm wurden die mühseligen und nebensächlichen Arbeiten aufgebürdet; seine Lebensfreude wurde immer kleiner.

    Als er mit größter Anstrengung den Abschluss geschafft hatte, bekam er eine schlecht bezahlte Assistentenstelle, während seine Kommilitonen bereits die erste Million an der Wallstreet verdienten, oder zumindest viel beachtete Interviews für das Wirtschaftsblatt gaben. Zufällig sah einer von denen Andreiji für einen Job in seiner Firma Schlange stehen.
    "Ich hätte wetten können, dass aus dir nichts wird", sagte er im Vorbeigehen.
Da fiel es Andreiji wie Schuppen von den Augen: Er hatte seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt, seine Kreativität unterdrück, war in einer Sackgasse gelandet. Jetzt sollte Schluss sein mit der inneren Hungersnot, mit zu viel Arbeit und zu wenig Freude an den kleinen Dingen.

    Er wandte sich der Esoterik zu, den schönen Künsten, dem Gesang zu. Leicht gesagt, schwer getan. Viel zu grob für die Esoterik, fanden die Esoteriker, außerdem leichtgläubig und nicht mit dem Herzen verbunden. Völlig unbegabt, phantasielos und in erstarrten Vorstellungen gefangen, fanden die Maler. Begabt, im Prinzip, aber ungebildet und ohne den alles entscheidenden Kick, fanden ihn die Musiker.

    Er versuchte es mit Zauberkräutern, natürlichen, harzhaltigen und aus Pilzen gewonnenen Substanzen, auch mit chemisch im Keller hergestellten. Kurzfristige Euphorie, schreckliches Kopfweh, waren seine Erfahrung, aber auch die klare Einsicht, wie schlimm es um ihn wirklich stand.

    Andreiji ging in sich, suchte nach einem Ausweg. Vergeblich: Je genauer er seine Lage erforschte um so schlimmer stellte sie sich ihm dar. Da fiel ihm Chassidim Balschem wieder ein. Der Garten im Sommer - die Freude an den kleinen Dingen. Auf einmal dachte er daran wie viele Leute es doch in einer der seinen ähnlichen Situation es doch geben musste. Und wie sehr er sich wünschte wenigstens eine paar Leuten einen Hinweis, einen Tipp für ihre Suche nach dem Glück zu geben. Wenigstens einige seiner Irrwege sollten sie nicht auch gehen müssen.

    Er rief bei der Beratungsstelle für ausländische Studenten an und fragte ob sie nicht einen promovierten Juristen brauchen könnten. Ganz dringend suchten sie jemand. Es gäbe so viele Fälle, aber noch dringender suchten sie jemand, der das Ganze schon einmal durchgemacht hatte, die sumpfigen Stellen kannte und vor den größten Irrtümern warnen konnte.

    Andreiji fühlte sich sofort wohl in der Ausländerstelle, obwohl er noch weniger verdiente als vorher. Hierher kamen Leute die er verstehen konnte, denen wichtig war, was er ihnen sagte. Hier kam sein verlorenes Selbstvertrauen zurück. Hier fing er an positiv zu denken. Hier fand er Freunde und innere Ruhe - und auch die unternehmungslustigen Freundinnen, die ihm Onkel Valin verheißen hatte.