Die gute Hexe Abendwind

Es war einmal in einem tiefen Wald ein einsames Häuschen an einem Bach, auf dem bunte Blätter trieben. Ein orangefarbenes Ahornblatt kündigte den ersten Frost an. Die gute Hexe Abendwind hatte schon ihre Wintervorräte angelegt. Gläser mit einlegten Schlehen und anderen Köstlichkeiten standen schön aufgereiht in der Felsenhöhle, welche ihr als Keller diente. Vor dem Häuschen stand eine verwunschene Vogelscheuche, deren einzige Aufgabe es war vor zufälligem Entdecktwerden zu schützen.
    Die gute Hexe saß zufrieden vor der Haustür und unterhielt sich mit einem Eichkätzchen. Der Ring an ihrem Finger verlieh ihr die Fähigkeit mit Tieren zu sprechen und auch von Tieren verstanden zu werden. Notfalls wäre sie auch ohne den Ring ausgekommen. Damals freilich, als sie noch eine schöne aber strohdumme junge Frau gewesen war, hatte ihr der Ring das Tor zu einer Welt geöffnet, deren Existenz sie nicht im Traum geahnt hatte. Jetzt war er eine Bequemlichkeit, wie etwa ein Hörgerät oder eine Brille.
    Das Eichkätzchen hatte seine Baumhöhle schön ausgepolstert und einen reichen Vorrat an Nüssen angelegt. Mit freudig aufgerichtetem buschigen Schwanz unterhielt es sich mit der Hexe über unlösbare philosophische Fragen, wie "wieso leuchtet das Abendspinnenetz?" Das war eine sehr schwierige Frage, zumal die Hexe, trotz Zauberring, immer läutet statt leuchtet verstand.
    Die Unterhaltung wurde jäh von einer Blütenelfe unterbrochen, die weinend heranschwebte.
    "Die Blüten sind alle verwelkt und ich weiß nicht wie es weiter gehen soll", sagte die Blütenelfe.
    "Hast du denn keine Vorräte angelegt, kein Nestchen gepolstert?", sagte das Eichhörnchen.
    "Ich bin doch kein Hamster", sagte die Blumenelfe empört mit tränenerstickter Stimme.
    "Für so etwas leichtes, kleines, genügsames wie dich ist bei mir immer Platz", sagte die Hexe. Die Elfe beruhigte sich gleich wieder, dann sagte sie
    "Da ist aber noch etwas anderes. Habt ihr schon von dem heimatlosen Drachen gehört?"
    "Gehört ist gut", sagte das Eichhörnchen, "Man hört fast nichts anderes mehr, so einen Krach macht er. Und brandgefährlich ist er mit seinem Feueratem! Außerdem wird er gleich da sein. Ich verschwinde lieber, bevor er mir das Fell versengt."
    Tatsächlich wälzte sich ein großer grüner Drache durch das Unterholz heran.
    Lange wurde über die Wohnmöglichkeiten von Drachen diskutiert. Es sah wirklich schlecht aus, seit eine Höhle nach der anderen von Menschen entdeckt wurde. Schließlich einigte man sich auf die Vorratshöhle der Hexe. Die Vorräte wurden auf höher gelegene Felsvorsprünge verlagert, bis auf dem Boden genügend Platz war, so dass sich der Drache für seinen Winterschlaf ausstrecken konnte.
    Die gute Hexe Abendwind genoss den heißen Atem, der durch ihr Haus wehte, und die Blütenelfe machte es sich in einer Blüte bequem, welche in der warmen feuchten Luft so gut gedieh.
    So lebten Hexe, Drache und Elfe friedlich zusammen. Und wenn du einmal zufällig vorbeikommst und nichts Böses vorhast, zeigt dir die verwunschene Vogelscheuche den Weg dorthin.