Er wurde bewundert wegen seines Erfolges und konnte sich alles leisten, was man mit Geld erwerben konnte. Trotzdem hielt sich in seinem Herzen hartnäckig das Gefühl übervorteilt worden zu sein. Das beunruhigte ihn, denn er wusste wie gefährlich Sturheit in seinem Beruf sein konnte und er versuchte heraus zu finden ob er vielleicht tatsächlich irgendwie gelinkt wurde. Sicher, viele Leute hatten bei seinen Aktionen viel Geld verloren, das war nur natürlich in diesem Geschäft, aber er selbst hatte immer Glück gehabt, wenn es darauf an kam.
Er hatte schon lange keine Geliebte mehr. Das war ja auch nicht nötig, konnte man sich schließlich kurzfristig besorgen, oder? Er war gesund und sportlich, was man von den meisten alten Knackern von Bankiers nicht behaupten konnte; ja er war sogar nett und freundlich; ein guter Unterhalter; wenn er sich die Zeit dafür nahm.
Dieses nagende Gefühl von -- er konnte nicht genau feststellen von was, Betrug?, Verlust?, Starrheit?, Beengung? -- war ihm lästig. Er begann zu beobachten was andere glücklich macht. Selbst die Putzfrau schien glücklicher zu sein als er. Dabei hatte er doch soeben durch eine gewagte Transaktion mit japanischen Junk Bonds seinen Netto Wert verdoppelt und den Gewinn sogleich in American Airlines investiert.
Er war erschöpft.
"Ich sollte wieder einmal auf den Flohmarkt gehen, oder auf einen Segeltörn," dachte er. Aber im Moment konnte er sich keine Unaufmerksamkeit leisten. Die Mitsumi Bank stand vor dem Zusammenbruch und er konnte seine Junk Bonds gerade noch mit geringem Verlust in Gebäudeoptionen umlenken.
"Was ist denn mit ihnen los?" fragte die Putzfrau. Er fuhr zusammen. Verdammt. Er musste weggedöst sein und American Airlines war in der Zwischenzeit um 18 Punkte gefallen.
"Ach nichts" sagte er und wehrte ärgerlich den Schauer ab, den ihm die Gegenwart der jungen Frau über den Rücken gejagt hatte. War doch nichts Besonderes, es war doch zur erwarten, dass in diesem edlen Bürohaus sogar die Putzfrauen von erlesener Schönheit sind.
"Idiot" knurrte ihn ein Löwe an der auf seinem Schreibtisch stand. Er erschrak, fing sich aber gleich wieder als sein Blick auf den kleinen grauen Löwen aus poliertem Speckstein fiel, den er vor Jahren in Bangkok erstanden hatte und als Briefbeschwerer benutzte. American Airlines war um weitere 3 Punkte gefallen.
"Reiss dich zusammen" sagte sich George. Seinen Nachnahmen Patakides kannten nur wenige. In der Finanzwelt war er als G.P. bekannt.
Plötzlich erschrak er. War da nicht ein unangenehmes Wogen? Ein Krachen? Ein Erdbeben vielleicht? Kein Problem: Das Stahlskelett des Bürohochhauses in dem er arbeitete war erdbebensicher. Eine blinkende Zeile auf seinem Bildschirm fing seine Aufmerksamkeit. Blinkende Zeilen waren verpönt und wurden nur im äußersten Notfall verwendet. Er schaute hin: ein Überfall, ganz in der Nähe. Er schaltete auf Video um, den Newskanal. Kein Überfall: ein Attentat. Es hatte eine große Explosion gegeben - das musste er für ein Erdbeben gehalten haben. Mit Schrecken erkannte er das Gebäude: es war dasjenige in dem zur Zeit alle seine Optionen steckten.
Das heißt er würde zum vereinbarten Preis kaufen müssen, ganz gleich wie niedrig der tatsächliche Wert war. Ihm wurde klar, dass sein Nettowert innerhalb von Minuten ins Minus sinken würde.
"Sind sie überhaupt noch ein Mensch?" fragte die schöne Frau, die sich mit dem Putzjob ihr Geld verdiente.
"Demnächst ein Bankrotteur" sagte George. Da kam ihm eine Idee
"Sie haben doch ein Konto?" frage er. Sie nickte.
"Die Nummer. Bitte schnell" sagte er. Sie kramte in ihrer Geldbörse. Er entriss ihr die Kontokarte.
"Das wird reichen" sagte er und innerhalb einer Minute hatte er 10 Millionen Dollar auf ihr Konto überwiesen. Er lehnte sich in seinen Ledersessel zurück. Der Gebäudewert war auf Null gesunken.
"Ich bin pleite" sagte er "aber sie haben 10 Millionen. Damit können sie machen was sie wollen. Niemand kann sie zwingen mir davon abzugeben."
"Meine Gier hat mich umgebracht" dachte er.
Erstaunt stellte er fest, dass das merkwürdige Gefühl übervorteilt worden zu sein verschwunden war.
"Jetzt schauen sie schon besser aus" sagte die Putzfrau.
"Komisch, ich fühle mich leichter" sagte George "dabei habe ich soeben mehr verloren, als ich jemals gewonnen habe."
"Jetzt müssen sie sich wohl oder übel dem Leben stellen" sagte die Putzfrau. "darf ich sie auf einen Kaffee einladen"
George wollte losbrusten, aber da wurde er von einem solchen Gefühl von Glückseligkeit überströmt. Er erschauerte, fühlte sich verletzlich und nahm zu seinem eigenen Erstaunen mit großer Inbrunst den Plastikbecher Kaffee entgegen den sie ihm reichte.
Allmählich wurde ihm bewusst, dass die Geräusche um ihn herum verstummt waren. Er blickte auf und fand sich alleine mit der Putzfrau.
"Das Gebäude ist evakuiert worden" sagte sie "Wir sollten gehen"
Er stand auf und sah auf seinen Schreibtisch hinunter. Es hatte keinen Sinn etwas mit zu nehmen. Er hatte noch einmal kurz nachkalkuliert: Die geschwächten Aktien von American Airlines würden den Verlust in den Immobilien Optionen nicht aufwiegen. Er war eindeutig pleite. Mit seinem gesamten Vermögen.
"Mögen sie Van Gogh" fragte er und deutete auf das Gemälde an der Wand "Nehmen sie ihn. Er ist echt. Ich schenke in ihnen"
"Wirklich?" sagte sie
"Wirklich" sagte er "Vielleicht müssen sie ihn aber auch zurück geben - ihr Risiko" Er musste lachen. Es war wirklich ihr Risiko.