Das Königskind Joni

Es war einmal ein Königskind, schön und zart, geliebt und geachtet, wild und mitfühlend.

Frohgemut, auf dem Weg von der Schule nach Hause, kam es an einem von Rosen überwucherten Haus vorbei mit einer alten grün gestrichenen Doppeltür, das es noch nie bemerkt hatte. Übermütig gab sie der Tür einen Schubs und siehe da: die Türflügel sprangen wie von selbst auf.

Vorsichtig trat Joni, so hieß das Mädchen, über die Schwelle.
    "Willkommen", sagte ein sprechender Papagei, den sie zuerst für einen Nussknacker gehalten hatte.
    "Oh, ich wollte nicht stören", sagte Joni, der noch nie etwas Böses wiederfahren war, artig. "Entschuldigen sie, dass ich sie nicht gleich begrüßt habe. Sie schienen mir etwas holzig zu sein."
    "Schon verziehen", krächzte der Papagei und schwieg.
    "Hier gibt es doch nichts Böses?" frage Joni, etwas beklommen von der plötzlichen Stille.
    "Doch. Mich." knurrte ein Kobold, der sich in einer dunklen Ecke zu einem absolut hässlichen Wesen aufblies.
    "Schon gut", sagte das Königskind, das gelernt hatte auch mit bissigen Hunden freundlich umzugehen, klopfenden Herzens. Der Kobold schmolz in seine Ecke zurück.
    "Ned schlecht", krächzte der Papagei in bestem Vorstadt-Wienerisch.

Joni tastete nach der Tür hinter sich um zurück ins Freie zu gelangen, als es einen gewaltigen Donnerschlag tat und ein großes hölzernes Schiff sich vor ihr sanft auf einer stillen See wiegte. Eine Hexe wie aus dem Bilderbuch, mit Kopftuch und einer großen Warze auf der Hakennase ließ ein Fallreep herunterrasseln.
    "Komm schon, meine Süße. Ich habe für jeden von euch etwas Gutes mitgebracht."
Joni kam der Spruch bekannt vor, aber einfach weglaufen wollte sie auch wieder nicht. Außerdem war sie viel zu neugierig.
    "Hoffentlich ist das keine Entführung", dachte sie, als sie die Strickleiter empor stieg.
Oben wurde sie von drei Degen tragenden Männern in schwarzen Mänteln in engen schwarzen Hosen und Stiefeln überfallen.
    "Um Gottes Willen, das ist ja Zorro mal drei", dachte Joni, als sie die sechs gierigen groben Hände auf ihrem Körper spürte.
    Verzweifelt richtete sie ihren Blick nach oben, wo bayerische Barockwolken von wunderbaren Sonnenstrahlen umspielt in einem hellblauen Himmel schwebten.
    "Heilige Jungfrau Maria Mutter Gottes, hilf mir", rief sie. Und da schwebte schon die Unbefleckte auf einer Mondsichel herunter. In der rechten Hand hielt sie statt des Jesuskindes das lange leuchtende Schwert des Erzengels Gabriel, mit dem sie die Unholde in Stücke schlug.

Das Schiff versank langsam in der stillen See. Joni sprang gerade noch rechtzeitig hinüber auf die Schwelle, öffnete die Türflügel, trat zurück auf die Straße und setzt ihren nachhause Weg fort, mit ruhiger Seele, als ob nichts geschehen wäre.