Das Lied der Krötenkönigin

Es war einmal ein großer stiller dunkler Wald, mit rauschenden Buchen und schlanken Fichten, die ihre Wipfel in das helle Mondlicht reckten. Der letzte Holzfäller war mit seinem Rucksack auf dem Wanderweg nach Hause gegangen. Die Köhler hatten schon vor langer Zeit den Beruf gewechselt und am Gemäuer der alten Mühle lehnten die Reste des Mühlrades im Brennesselgestrüpp. Das Murmeltier polsterte sich seine Höhle für den Winterschaf aus und der Eichelhäher bearbeitete die Baumrinden.
    Auf einer Lichtung war ein Hexenring um einen alten Kuhfladen herum entstanden. Dünnstielige, halluzinogene Pilzchen bildeten eine weiten Kreis um die sumpfige Fläche, in deren Mitte die Krötenkönigin saß und sang.
    Ein Waldschrat lies die Schädelschale aus der er sich getrunken hatte sinken. Hoch oben setzten sich die Elfen auf die Ränder der jetzt leeren Vogelnester und lauschten. Die Feen, welche zwischen den Bäumen schwebten, ließen ihre Nebelschleier sinken. Ein kleines Irrlicht hüpfte über den nadel- und laub-bedeckten Waldboden und setzte sich auf eine dicke morsche Wurzel am Rand der Lichtung.
    Mit goldenen Augen sang die Krötenkönigin von Liebe und Tod, von Sehnsucht und Erfüllung, von Sein und Werden, von Wissen und Ahnen. Andächtig lauschte der Wald. Nur unter der strammen Oberfläche des Ameisenhaufens herrschte die ewig gleiche Hektik, wurden Ameisenbabys herumgeschleppt, Arbeits- und Kampfameisen ausgebildet, Prinzen auf den Hochzeitsflug vorbereitet und die unbewegliche Königin gefüttert, gelabt und gepflegt.
    "Ihr lieben Wesen und Halbwesen" sang die Kröte in hohen, zarten Tönen, die wie schimmernd durch die Nachtluft schwebten.
Wer glaubt er sei, der ist nicht mehr.
Wer ahnt, der sieht. Wer sieht ist blind.
Was tot ist hat noch nie gelebt,
Was keiner sieht ist trotzdem da,
Was liebt das hasst, was lebt das fließt.
Was gibt das nimmt, was leidet das fühlt.
Wer glaubt der lügt, wer lügt verkommt.
Die Kröte schloss ihre goldenen Augen, Das Irrlicht schlief unter der Wurzel ein, Der Waldschrat hob die Schädelschale wieder zum Mund. Die Feen hüllten sich in ihre Schleier, die Elfen entschwebten in den Nachthimmel. Nur im Ameisenhaufen ging der Betrieb unverändert weiter.