Der einsame Wanderer
Es war einmal ein einsamer Wanderer. Hoch im Norden zog er seine Spur im fahlen Licht. Kein Tier, kein Mensch, die einzige Bewegung das blasse Huschen des Nordlichtes. Hinter sich zog er den Schlitten mit den Vorräten und der Beute eines Sommers als Fallensteller. Es war ein guter Sommer gewesen, und er hatte genügend Beute gemacht um bequem am Kaminfeuer den Winter zu genießen und seine Ausrüstung auszubessern. Es war so gut gelaufen, dass es auch für den nächsten Sommer auslangen würde.
Aber er war zu weit in den Herbst hinein geraten. Der Schlitten war höher beladen als er erhofft hatte, aber auch schwerer. Er blieb stehen. Es war kälter als erwartet. Als die Geräusche der Kufen und seiner Schritte verklungen waren, herrschte vollständige Stille. Er atmete aus. Aus der Wolke seines Atems hörte er ein feines Knistern, als sich in der Luft Eiskristalle bildeten. Das bedeutete 60 Grad unter Null. Solche Kälte hatte er noch nie erlebt - und er musste in Bewegung bleiben. Also zog er weiter durch die konturlose Landschaft.
Gegen Abend erreichte er das Depot. Es bestand nur aus ein paar grob behauenen und zu einem Blockhaus zusammengeschichteten Hölzern. Die Tür war offen und drinnen lag Schnee. Er bereitete sich ein Lager und kroch in seinen Schlafsack. Er schlief sofort ein, erwachte aber nach kurzer Zeit, klamm vor Kälte. Da wusste er, dass er weiter ziehen musste.
Er lud die Beute des Sommers von seinem Schlitten und vergrub sie zusammen mit Ausrüstung, die er nicht unbedingt benötigte, so gut es ging, in einer Ecke der Hütte. Im Frühjahr würde er eine extra Fahrt machen müssen, aber es war eben nur so zu schaffen.
Mit dem leichteren Schlitten zog er weiter durch die helle Polarnacht. Er ging den ganzen nächsten Tag weiter durch die klirrende Kälte und das trübe Licht. Kein Tier, kein Strauch, keine Spur war zu sehen. Er wusste, dass unter ihm der zugefrorene See lag, aber nichts deutete auf Wasser hin.
Gegen Abend erreichte er die Hügel; viel zu spät nach seinem Zeitplan. Er musste eine Notunterkunft finden. Schließlich fand er die Höhle, die er bei der Hinreise im Frühjahr entdeckt hatte. Es war kalt, aber doch viel wärmer als im Depot. Als er jedoch seinen Schlafsack ausbreitete, entdeckte er, dass er nicht alleine war. Im hintersten Winkel der Höhle lag ein Braunbär im Winterschlaf zusammengerollt. Es war aber zu kalt um draußen zu übernachten, also kroch er so leise wie es ging in seinen Schlafsack, die entsicherte Büchse neben sich.
Er schlief sofort ein und träumte von der Schneekönigin, einer wunderschönen Frau mit langem glitzerndem blonden Haar und schwarzen Augenbrauen in ihrem Eisplast. Ein Diener in einem viel zu großen zottigen braunen Pelz überreichte ihm einen dampfenden Laib frisch gebackenes Brot. Da erwachte er: Der Braunbär hatte sich bewegt.
Schnell und so leise er konnte kroch der Wanderer aus seinem Schlafsack. Gott sei Dank hatte er seine Stiefel anbehalten und das Nötigste aufbruchbereit vor der Höhle abgestellt. Er schulterte seinen Rucksack - den Schlitten mit ein paar restlichen Vorräten ließ er jetzt wohl besser zurück - und schlich sich davon. Der Bär machte Anstalten ihm nachzutrotten, zog es aber dann doch vor sich wieder in seine Höhle zu kuscheln.
Es war noch weit nach Hause. Der kurze Schlaf hatte ihm gut getan, aber nach einiger Zeit fühlte er wieder Kälte und bleierne Müdigkeit in sich aufsteigen. Die Landschaft war jetzt belebter. Es gab vereinzelte Bäume und Sträucher. Einmal kreuzten Spuren, Wolfsspuren, seinen Pfad. Er sah eine Krähe und war da nicht eine Eule gewesen? Dann sah er auf einer Kuppe den Wolf. Gegen ein Rudel wäre er machtlos gewesen, gegen einen einzelnen Wolf könnte er sich noch wehren.
Er musste sich irgendwie ausruhen, wollte er nicht vor Erschöpfung zusammensinken und erfrieren. Eine zugeschneite Krüppelkiefer war seine letzte Chance. Vorsichtig kroch er unter den bis zum Boden hängenden Ästen durch und fand eine nadelbedeckte Kuhle zwischen den dicken Wurzeln. So gut es ging zog er sich den Schlafsack über, zog seine Beine an und zog den Einstieg über seinem Kopf zu. Mit seinen Stiefeln und Handschuhen würde er sich keine Erfrierungen an Zehen und Fingern holen, aber jetzt wo er nicht mehr in Bewegung war, fühlte er wie die Kälte leise in den Schlafsack kroch und nach ihm tastete.
Er fürchtete nicht mehr aufzuwachen, wenn er jetzt einschliefe, aber die Erschöpfung war zu stark. Ihm wurde wohlig leicht, Er fühlte sich wie auf weichem Schneeflaum schwebend. Ein helles himmlisches blau-weißes Licht umgab ihn, lockte ihn. Glücklich gab er sich dem Sog hin, der ihn nach oben schweben ließ.
Doch irgend etwas hielt ihn fest, hinderte ihn an seinem seligen Aufstieg. Er wollte es ärgerlich abschütteln. Es gelang ihm nicht. Im Gegenteil jetzt wurde er auch noch gerüttelt und geschüttelt. So sehr er sich auch zusammenkrümmte: es wurde immer schlimmer, immer ärgerlicher, gröber, lauter. Beleidigt versuchte er von sich zu stoßen, was ihn in seinem seligen Zustand störte. Da hörte er einen Schrei:
"Er hat sich bewegt! Er wacht auf!"
Das Rütteln und Schütteln wurde immer schlimmer. Dazu kam der Lärm. Das Geschrei von mehreren Menschen, die den Lärm eines Dieselmotors zu überbrüllen suchten. Ewas Heißes wurde an seine Lippen gedrückt, heißer Grog wurde ihm eingeflößt. Er wurde eingerieben und eingewickelt. Langsam, sehr langsam kehrte sein Bewusstsein zurück, aber bevor er ganz wach war, war er schon wieder eingeschlafen.
Viel später erwachte er, matt aber gestärkt und immer noch kräftig durchgeschüttelt. Langsam erkannte er, dass Leute um ihn herum da waren, die Kabine eines Motorschlittens, der mit dröhnendem Motor durch die vereiste Landschaft raste. Er versuchte sich aufzurichten.
"Bleib liegen. Wir sind gleich daheim", sagte eine vertraute Stimme.
"Ich bin ja so froh, dass wir dich noch rechtzeitig gefunden haben", sagte die Stimme seiner Freundin.
"Der Hund. Du weißt schon, der ausschaut wie ein Wolf. Der hat uns auf deine Spur gebracht." Sagte die Stimme seines Freundes und Partners.
Überglücklich feierten sie seine Wiederkehr in der gemütlichen Holzhütte. Er hatte sich nichts gebrochen, nichts erfroren und war nach ein paar Tagen in bester Verfassung, glücklich mit seinen Liebsten wieder beisammen zu sein. Im Frühjahr
holten sie gemeinsam den Schlitten, die zurückgelassene Ausrüstung und die Beute des letzten Sommers.
Sie lebten weiterhin ihr einfaches, aber glückliches Leben. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.